Ziele und Inhalte

Arbeit und Lebenslauf als historische Probleme. Ziele und Inhalte des Internationalen Geisteswissenschaftlichen Kollegs „re:work“

Andreas Eckert & Jürgen Kocka

 

Die Forschung am Kolleg soll einen Beitrag zur Geschichte der Arbeit leisten. Sie soll helfen, die Wege zu erkunden, über die Menschen ihre Lebensläufe strukturiert und wahrgenommen haben. Und sie soll Beziehungen untersuchen: zwischen Arbeit und Lebenslauf, zwischen Vorstellungen von Arbeit und Vorstellungen vom Lebenslauf sowie zwischen den Ordnungen der Arbeit auf der einen Seite und den Mustern, die den Lebenslauf und seine Phasen strukturieren, auf der anderen. Je nach Themen und Fragestellungen der einzelnen Fellows werden sich die einzelnen Untersuchungen auf spezifische Zeitabschnitte und Räume konzentrieren. Letztlich geht es jedoch darum, umfassende Kontexte zu rekonstruieren, breit angelegte Vergleiche anzustellen und grenzüberschreitende Verflechtungen auf globaler Ebene zu untersuchen, die zur Weiterentwicklung der Globalgeschichte beitragen. Jedes Jahr lädt das Kolleg etwa zehn Wissenschaftler/-innen aus unterschiedlichen Teilen der Welt als Fellows ein, in diesem Kontext zu forschen und miteinander zu diskutieren. Im Folgenden werden die drei Diskurslinien umrissen, um deren Vernetzung, Erkundung und Weiterentwicklung sich das Kolleg bemüht.

 

I. Die Geschichte der Arbeit

Ganz offensichtlich lässt sich ein Trendwandel von der Geschichte der Arbeiter/-innen und der Arbeiterbewegungen hin zur Geschichte von Arbeit beobachten. In den vergangenen Jahrzehnten wurde zur Geschichte der Arbeit in Europa (zumindest in einigen Regionen Europas) viel geforscht und geschrieben, insbesondere zu den Teilgebieten Begriffsgeschichte, Arbeit in Unternehmen und unter dem Einfluss technischer Neuerungen in den verschiedenen Branchen, zur Rolle der Arbeit in der Geschichte der Klassen und Klassenkonflikte, zur Arbeit im Kontext der Populärkultur sowie zur Arbeit als Teil der Ideengeschichte (Arbeit in Bezug auf Religion, wissenschaftliches Denken etc.) (Ehmer und Lis 2008; Kocka 2010; Lis und Soly 2012). Doch das Feld an sich scheint eher unstrukturiert. Es bleiben viele offene Fragen und Probleme bestehen, die weiter untersucht werden müssen. An dieser Stelle nur vier Beispiele:

 

Erstens: Für Europa hat sich eine Art Standarddarstellung herausgebildet, was den Zeitraum bis etwa 1800 betrifft. In dieser Darstellung wird die Antike den mittelalterlichen und frühneuzeitlichen Entwicklungen gegenübergestellt und die Geschichte der Konzepte, Bewertungen und Vorstellungen von Arbeit (work, travail) betont. Im Verlauf der Jahrhunderte bildete sich nach und nach ein allgemeines Konzept von Arbeit heraus, das im Gegensatz zur Semantik der Antike und teilweise auch zu der des Mittelalters stand. Lässt man Abweichungen und fließende Übergänge außer Acht, scheint die Feststellung legitim, dass der Begriff „Arbeit“ (work, travail) um 1800 für menschliche Tätigkeiten stand, die „einen Zweck außerhalb ihrer selbst hatten, den Zweck etwas herzustellen oder zu erreichen; die etwas von Verpflichtung oder Notwendigkeit beinhalteten und eine zu erfüllende Aufgabe implizierten, die einem andere stellten oder die man sich selbst setzte; die mühsam waren sowie Anstrengung und Disziplin erforderten, und zwar über den Punkt hinaus, an dem sie aufhörten, nur angenehm zu sein“ (Thomas 1999, S. 14). Nichtstun, Spiel und Muße waren die Gegenbegriffe. Wir beobachten diese semantische Bedeutungsverschiebung im Englischen, Deutschen und Französischen, vermutlich aber nicht in allen anderen Sprachen. Über die Jahrhunderte lassen sich die praktischen Konstellationen rekonstruieren, in denen sich die Gelegenheit und das Bedürfnis ergaben, solch ein generelles Konzept von Arbeit entstehen zu lassen und zu benutzen. 

 

Was die Bewertung von Arbeit betrifft, ist seit Jahrhunderten Ambivalenz das zentrale Stichwort. Arbeit bedeutete Fluch und Segen zugleich. Sie schien verantwortlich für Leid, aber auch für Selbstverwirklichung; fleißiges Arbeiten wurde oft gelobt, auch wenn Gleiches für Muße oder Faulheit galt. Dennoch kam es allmählich und vieler Gegentendenzen zum Trotz zur Aufwertung von Arbeit. Um diesen Wandel genauer zu verstehen, müssten einbezogen werden: die Rolle des Christentums im Mittelalter und während der Reformationszeit, die Kultur der Bürgerstädte im Verlauf der Jahrhunderte, die Rolle der Regierungen bei der Bekämpfung von Armut und dem Propagieren fleißigen Arbeitens in den Klein- und Großstädten wie in den absolutistischen Staaten, aber auch die Hochschätzung, ja Glorifizierung von Arbeit in den Schriften der Aufklärung. Im Zuge dieser Entwicklungen nahm Arbeit eine immer zentralere Rolle im Leben der Menschen ein.

 

Doch viele Fragen bleiben weiterhin offen: Sind diese Beobachtungen richtig? Wessen Ansichten wurden hier dokumentiert und wessen fehlen? Es bestanden enorme Unterschiede hinsichtlich der Erfahrung und Bewertung von Arbeit in den verschiedenen Klassen und Schichten, zwischen den Regionen und Religionen, hinsichtlich Gender, im Verlauf der Jahrhunderte und zwischen den verschiedenen Sprachen.

 

Zweitens: Es gibt gleichfalls eine Art Standarddarstellung der Entwicklungen im Europa des 19. und 20. Jahrhunderts. Diese Darstellung konzentriert sich auf den Aufstieg des Kapitalismus, der Lohnarbeit zu einem Massenphänomen machte; auf die Industrialisierung und Urbanisierung, die dazu tendierten, die Bereiche Arbeit und Leben räumlich zu trennen; auf die semantische Verengung des Konzepts (von der Arbeit im weiteren Sinne, wie im Zitat von Keith Thomas weiter oben, hin zur Arbeit im Sinn von Erwerbsarbeit); auf die zunehmende Bedeutung von Arbeit für die menschliche Identität und die sozialen Beziehungen (Inklusion und Exklusion) sowie für die entstehenden Sozialwissenschaften und den Wohlfahrtsstaat; auf die schärferen Gender-Differenzierungen und dann, im 20. Jahrhundert deutlicher als im 19. Jahrhundert, auf das Aufkommen des sogenannten Normalarbeitsverhältnisses (der Mann als Brotverdiener sorgt für seine Familie, lebenslange Vollbeschäftigung etc.) – ein Modell, das in Wirklichkeit nie zum Normalzustand wurde, sondern immer nur einer Minderheit zugänglich war.

 

Vor diesem Hintergrund wird die derzeitige Lage häufig als Situation des schnellen Wandels beschrieben, als Verfall und Krise aufgrund hoher Arbeitslosigkeit, der Verbreitung prekärer sowie räumlich und zeitlich fluider Arbeitsverhältnisse, aber auch aufgrund sich wandelnder Werte und der abnehmenden Bedeutung von Arbeit für die Bildung von Identitäten. Die These vom Ende der im 19. Jahrhundert entstandenen Arbeitsgesellschaft wurde vertreten – und in Frage gestellt. Klar ist, dass solche Veränderungen den Sozialstaat vor neue Herausforderungen stellen.

 

Doch jeder dieser Punkte muss neu untersucht werden. Unterschied sich die Zeitspanne zwischen dem 19. und 20. Jahrhundert wirklich derart von früheren Zeiträumen? Was passiert gegenwärtig? Viele aktuelle Krisenbeschreibungen scheinen auf einer idealisierten Sicht früherer Zeiten zu beruhen (wie beispielsweise solche, die Bezug auf das Normalarbeitsverhältnis nehmen). Vergleichende Studien über Ländergrenzen hinweg und über Weltregionen hinaus werden diese Sichtweise wahrscheinlich verändern. 

 

Drittens: Es ist offensichtlich, dass einige Arbeitsformen eingehender untersucht wurden als andere. Arbeit in der Mittel- und Oberschicht ist weniger erforscht als die körperliche Arbeit in der Landwirtschaft, im Gewerbe und in der industriellen Produktion. Die Unterscheidung zwischen körperlichen und geistigen Tätigkeiten sollte möglicherweise neu überdacht werden, besonders angesichts der enormen Ausweitung des Dienstleistungssektors. Während die Arbeitsgewohnheiten der Akademiker/-innen ebenso wie die Prozesse der Professionalisierung intensiv untersucht worden sind, ist die Arbeit von Unternehmer/-innen und öffentlich Bediensteten nicht gründlich erforscht. In allen diesen Fällen sollte das Augenmerk dem Verhältnis von Arbeit und Haushalt/Familie gelten und auch Gender-Aspekte müssen berücksichtigt werden.

 

Viertens: Das Kolleg interessiert sich besonders für die Unterschiede zwischen Arbeit und anderen Tätigkeiten von Menschen (die nicht unter die Kategorie „Arbeit“ fallen), also mit anderen Worten für die sich ändernden Definitionen (Konzepte) von Arbeit sowie für die Wahrnehmung, Erfahrung und Fortdauer von Arbeit als separatem Bereich (oder ggf. auch nicht). In diesem Rahmen sollten auch die Beziehungen zwischen Arbeit und Kriegsdienst, Erwerbsarbeit und Familienarbeit, Arbeit und Bildung, Arbeit und Sport (einschließlich des organisierten und kommerzialisierten Spiels), Arbeit und Unterhaltung sowie Arbeit und sexuellen Tätigkeiten untersucht werden. Besondere Beachtung muss hierbei den sich wandelnden Beziehungen zwischen bezahlter Arbeit und unbezahlter Freiwilligenarbeit (aus Menschenliebe, gesellschaftlichem Engagement, Nachbarschaftshilfe oder in NROs) gewidmet werden. Vielleicht sollte man für eine neue Ausdehnung des Konzepts von Arbeit eintreten, nachdem es sich im 19. und in großen Teilen des 20. Jahrhunderts in Richtung Erwerbsarbeit tendenziell eingeengt hatte. Ralf Dahrendorfs Formulierung: von der Arbeits- zur Tätigkeitsgesellschaft.

 

II. Globale Geschichte

Jüngste Entwicklungen hin zu einer Transnationalisierung, zum Teil Globalisierung geschichtlicher Forschung sowie die Bemühungen, Regionalstudien systematischer in die Geschichtsforschung einzubringen, waren wichtige Motive, die zur Gründung des Kollegs beitrugen. Die globale Geschichte der Arbeit ist ein neues Feld mit vielen verschiedenen Aspekten (van der Linden 2008; 2010). Dieser neue Trend sollte freilich nicht die Tatsache verdecken, dass etwa Lateinamerika-Historiker wie ihre nordamerikanischen und europäischen Kollegen seit Dekaden spezifische Aspekte der Geschichte der Arbeit erforschen. Afrikanische und südasiatische Historiker haben etwas später damit begonnen, oft mit einem Fokus entweder auf eine bestimmte Region oder einen spezifischen Typus von Arbeit, etwa Plantagenarbeit. Die folgenden vier Themenschwerpunkte bzw. Fragestellungen sollten in der Arbeit des Kollegs besondere Beachtung finden.

 

Erstens: Was den Stand der Methoden betrifft, ist die globale Geschichte der Arbeit eher ein „Problemfeld“ als eine Theorie, an die sich jeder zu halten hätte. Von besonderer Bedeutung ist die Verbindung und Vereinbarkeit von Vergleich und Verflechtung. Während sich vergleichende Ansätze auf die Untersuchung von Gemeinsamkeiten und Unterschieden konzentrieren, heben verflechtungsgeschichtliche Perspektiven  die grenzüberschreitenden Beziehungen, Übertragungen und Verbindungen zwischen den beobachteten Einheiten hervor. Hin und wieder wird die Vereinbarkeit dieser beiden Ansätze in Frage gestellt. Das Kolleg geht dagegen in seinem Programm davon aus, dass es sowohl möglich als auch sinnvoll ist, histoire comparée und histoire croisée zu verbinden (Haupt und Kocka 2009, S. 1-30). Einige Protagonisten der Globalgeschichte scheinen Abstand von systematischen Vergleichen zu nehmen. In unserem Verständnis wäre dies ein Verlust.

 

Zweitens: Anregungen aus den Diskussionen über Kolonialismus und Post-Kolonialismus waren in zahlreichen Anläufen zur Globalisierung der Geschichtsforschung von wesentlicher Bedeutung. Dies gilt für die Geschichte der Arbeit weiterhin. In diesem Bereich ist das wechselseitige Verhältnis von sozialem Wandel innerhalb der Kolonialstaaten bzw. den kolonialisierten Gebieten weiterhin von Interesse, auch wenn sich die Stimmen mehren, denen zufolge die intellektuelle Macht des Post-Kolonialismus schwindet. Eine weiterhin zentrale Frage lautet, wie Kolonialismus die Geschichte der Arbeit geprägt hat. Eine wichtige Institution in diesem Zusammenhang ist die Sklavenplantage als formative Erfahrung in der Entwicklung großer, strikt organisierter und eng überwachter Unternehmen. Wie hat diese Erfahrung Vorstellungen, Organisation und Praktiken von Arbeit in der Welt geformt? Schließlich bietet auch ein Argument Karl Marx‘ wichtige Anregungen: Folgen wir ihm, sind der Zugang zu Land und die Möglichkeit der Migration Hindernisse für die ursprüngliche Akkumulation. Warum bleibt diese Problematik auch nach langen und intensiven Kolonisierungsanstrengungen noch aktuell?

 

In diesem Rahmen kann die Übertragung von Arbeitsmustern (einschließlich Rechtsformen von Arbeit, Arbeitsethik, Ausbildung und Disziplin) vom Westen in die Kolonien untersucht werden, wobei sich die realen Auswirkungen solcher Übertragung oftmals von den mit ihnen verbundenen Absichten unterschieden – zentrale Konzepte sind Transfer, Anverwandlung, Abstoßung und Wandel. Gleichzeitig ist es von großer Bedeutung, die Einflüsse in entgegengesetzter Richtung – von der Kolonie in die Metropole – festzuhalten und zu erforschen. Migrationen sind in diesem Zusammenhang ein wichtiges Forschungsfeld.

 

Drittens: Europäische und westliche Historiker der Arbeit neigten dazu, ihre Perspektiven auf der Grundlage oft sehr spezifischer Beispiele zu „universalisieren“. Sie pflegten etwa die Forschungen von Karibik-Spezialisten zu ignorieren, für die seit den Arbeiten von Eric Williams und C.L.R. James aus den 1930er und 40er Jahren das Verhältnis von Plantagenarbeit und globalem Kapitalismus zentral war. Die lange Tradition indischer Forschung zu Arbeit und Kapitalismus verdient ebenso Beachtung wie die etwas rezenteren afrikanischen Anstrengungen in diesem Bereich. Globale Geschichtsforschung, die oft auf regionalwissenschaftlicher Forschung basiert, hat zur Hervorhebung hybrider Konstellationen geführt, z.B. wenn rekonstruiert wurde, wie Sklaven von ihren Besitzern aufgefordert wurden, das Haus oder die Plantage zu verlassen und außerhalb Lohnarbeit anzunehmen, einen Teil ihres damit erzielten Einkommens aber abzugeben. Die Kombination von Sklavenarbeit und Lohnarbeit ebenso wie die von Leibeigenschaft und Kapitalismus (z.B. in Russland um 1900) scheinen die These von der außerordentlichen Bedeutung der vertraglich vereinbarten freien Lohnarbeit, wie sie gemäß klassischer Sicht im Kapitalismus vorherrsche, zu relativieren. Neudefinitionen von Klasse könnten hier die Folge sein. Die Beziehung zwischen freier und unfreier Arbeit ist ein zentrales Thema. 

 

Viertens: Während im Westen die Geschichte der Arbeiterbewegungen viel an Attraktivität für Wissenschaftler/-innen verloren hat, bietet die globale Geschichte der Arbeiterbewegungen weiterhin viele spannende Forschungsoptionen. Werden internationale Vergleiche zeigen, dass die spezifische Verbindung von Protest, Emanzipation und Reform oder Revolution, die die klassischen Arbeiterbewegungen im Westen charakterisierte, nur für Europa (und/oder den Westen) galt? Dies könnte interessante Folgen für die Diskussionen über europäische Erinnerungskultur haben, in denen die Erinnerung an Arbeit und Arbeiterbewegungen vielleicht eine prominentere Stellung verdient, als dies heute der Fall ist. Wiederum sollte die Vorstellung vermieden werden, dass der Westen das Modell bleibt und wir lediglich nach Varianten und Abweichungen schauen. Es gibt andere Möglichkeiten, über verschiedene Teile der Welt nachzudenken.

 

Die Globalgeschichte der Arbeit sieht sich mit verschiedenen Problemen konfrontiert, die zugleich eine Chance darstellen, zentrale Themen der Arbeitsgeschichte noch einmal kritisch aufzugreifen (für das Folgende vgl. van der Linden 2010, S.365f.). Die Schlüsselkonzepte der Geschichte der Arbeit, Arbeiterschaft und Arbeiterbewegung beruhen grundsätzlich auf Erfahrungen innerhalb der Nordatlantik-Region und sollten daher im globalen Maßstab kritisch hinterfragt werden. Dies betrifft auch das Konzept von Arbeit an sich. Im Englischen wird wie in anderen westlichen Sprachen zwischen „work“ und „labour“ unterschieden, wobei sich „labour“ mehr auf Mühe und Anstrengung bezieht (wie die Wehenarbeit einer gebärenden Frau in woman’s labour), während „work“ eher für den Prozess des Schaffens steht. Diese binäre Bedeutung – der eine Philosophin wie Hannah Arendt weitreichende analytische Auswirkungen zuschreibt – kennen viele andere Sprachen nicht. Manchmal gibt es nicht einmal einen einzelnen Begriff für „Arbeit“, weil dieses Konzept von den spezifischen Eigenschaften konkreter Arbeitsprozesse abstrahiert. Wir sollten sorgfältig untersuchen, in welchem Maße die Konzepte „Arbeit“, „travail“ „labour“ und „work“ kulturübergreifend genutzt werden können, zumindest aber sollten wir ihre Bedeutungsinhalte deutlich präziser definieren, als dies üblicherweise der Fall ist. Wo beginnt „Arbeit“ und wo endet sie? Wo genau ziehen wir die Grenze zwischen „labour“ und „work“ oder ist diese Grenze gar nicht so offensichtlich, wie häufig angenommen wird? Und wo verlaufen die Grenzen zwischen Arbeit und Nicht-Arbeit?

 

Auch das Konzept der „Arbeiterklasse“ verdient es, kritisch beleuchtet zu werden. Offensichtlich wurde dieser Begriff im 19. Jahrhundert auf die Kategorie der sogenannten „respektablen“ Arbeiter/-innen bezogen, in Abgrenzung zu Sklaven und anderen unfreien Arbeitern, wie zum selbstständigen Kleinbürgertum (petite bourgeoisie) und den armen Ausgestoßenen, dem Lumpenproletariat. Dieses Verständnis scheint aber den Verhältnissen im globalen Süden nicht zu entsprechen. Unfreie Arbeiter der verschiedensten Art mögen im globalen Norden in den letzten Jahrhunderten die Ausnahme gewesen sein, doch in weiten Teilen Asiens, Afrikas und Lateinamerikas sind sie die Regel. Wir müssen also eine neue Begrifflichkeit entwickeln, die sich weniger an der Exklusion, sondern vielmehr an der Inklusion verschiedener abhängiger oder marginalisierter Arbeitergruppen orientiert. Nicht nur verschiedene Formen der Sklaverei wie chattel slavery sind zu bedenken, sondern auch andere Formen der unfreien Arbeit wie Vertragsknechtschaft (indentured labour) und die Naturalpacht (sharecropping). In der Folge dürften die disziplinären Grenzen der Geschichte der Arbeit fließend werden, ein Prozess, der bereits begonnen hat. Die Geschichte der chattel slaves, die bis vor kurzem von der allgemeinen Arbeiter- und Arbeiterbewegungsgeschichte kaum berücksichtigt wurde, weist erhebliche Überschneidungen mit der globalen Geschichte der Arbeit auf. Gleiches gilt für weitere Forschungsbereiche wie die Geschichte der Vertragsknechtschaft (indentured labour), z.B. die der indischen Kulis, die in vielen Teilen Asiens, aber auch Australiens, Afrikas und der Karibik beschäftigt wurden. Schließlich gilt es zu reflektieren, wie Ideen und Vorstellungen von Klasse die Geschichte der Arbeit geprägt haben – und zwar sowohl für Eliten als auch für jene, die in der einen oder anderen Form gearbeitet haben.

 

III. Geschichte des Lebenslaufs

Ein dritter Diskussionsstrang im Programm des Kollegs schließt an die Geschichte des Alterns an. Der gegenwärtige demografische Wandel hat neue Forschungen zu Chancen und Herausforderungen des Alterns von Gesellschaften hervorgerufen (Ehmer und Pierenkemper 2008; Kocka und Staudinger 2010). Die Orientierung an der Geschichte der Arbeit, die globalgeschichtlichen Ansätze und das Interesse an der Geschichte des Lebenslaufs sollen in ihrer Verbindung die Arbeit des Kollegs prägen. Die Geschichte des Lebenslaufs ist ein bisher nur wenig erforschtes Feld.

 

Auf der einen Seite gilt unser Interesse der Beziehung zwischen den Lebensphasen und der Arbeit. In dieser Hinsicht ist die Geschichte des Ruhestands seit dem 18. Jahrhundert ein wichtiges Thema. Es steht in engem Verhältnis zur Geschichte des Sozialstaats. Wenngleich das allgemeine Bild bekannt zu sein scheint, sind Detailfragen und Ursachen weiterhin unklar. Es liegen kaum Vergleiche und entsprechend wenig weiterreichende Erkenntnisse vor. Ergibt das Konzept des Ruhestands überhaupt Sinn in Gesellschaften, in denen der Sozialstaat schwach oder inexistent ist? Interessant ist auch die Beobachtung, dass zumindest in Deutschland die abhängig Beschäftigten (im Gegensatz zu den Selbstständigen) noch bis vor kurzem in einem immer früheren Alter in den Ruhestand traten. In den letzten Jahren nahm in mehreren europäischen Staaten das reale Renteneintrittsalter jedoch wieder zu. Es bleibt abzuwarten, ob es sich hierbei um eine bloße Unterbrechung oder aber um eine Umkehrung des Trends handelt. Auch Kinderarbeit ist ein wichtiges Thema ebenso wie die Beziehung zwischen Arbeit und Jugend, denn die verschiedenen Wege, Individuen zu sozialisieren und sie mit Hilfe von Arbeit in die Gesellschaft einzuführen, haben sich im Laufe der Zeit und zwischen den verschiedenen Kulturen sehr gewandelt.

 

Ganz offensichtlich hat sich die Gliederung aktiver Arbeitsphasen im Lebenszyklus geändert und wird sich auch weiterhin ändern. Diese Gliederung variiert auch zwischen den unterschiedlichen Kulturen und Gesellschaften. Worin liegen die Gründe hierfür und was sind die Folgen? Die Altersspezifik von Arbeitssituationen und Arbeitserfahrungen sollte in Verbindung mit Prozessen der nach unten, oben oder seitwärts gerichteten Mobilität untersucht werden. Erwerbsbeteiligung dient häufig als Kriterium der Abgrenzung zwischen den verschiedenen Lebensabschnitten. Demografischer Wandel findet statt. Was bedeutet er für das System der Arbeit? Es stehen weitere Veränderungen des Arbeitssystems bevor und werden zu kurzfristigeren und instabileren Arbeitsverhältnissen führen. Hiermit werden auch die unscharfen räumlichen und temporären Abgrenzungen weiter zunehmen. Welche Auswirkungen hat dies auf die Definition der verschiedenen Lebenslaufphasen? Beispiele aus dem kolonialen Afrika mögen in diesem Kontext wichtige Anregungen geben. In vielen Regionen Afrikas war Lohnarbeit etwas, dem junge Männer für einen bestimmten Zeitraum nachgingen, während das Familienleben in anderen Sphären stattfand.

 

Das Programm des Kollegs hebt die Wechselbeziehungen zwischen Arbeit und Lebenslauf hervor. Über diesen besonderen Fokus hinaus, ist es auch an anderen Dimensionen der Verbindungen von Leben und Arbeit interessiert, etwa an der Beziehung zwischen Arbeitsplatz und Familie/Haushalt. Gleichfalls widmen wir uns dem Verhältnis von Erwerbsarbeit und freiwilliger, unbezahlter, zivilgesellschaftlicher Arbeit (in der Nachbarschaft, in Vereinen, in Stiftungen und NROs.). Auch hier ist die Frage nach der Definition von Arbeit in Abgrenzung zu anderen menschlichen Tätigkeiten von Bedeutung. Das Konzept der sozialen Reproduktion spielt in diesem Zusammenhang eine wichtige Rolle.

 

Schließlich sind wir bei der Untersuchung der Verbindungen zwischen Arbeit und Lebenslauf auch an der Beziehung zwischen den Generationen interessiert. Wie werden Fähigkeiten, Arbeitserfahrungen und Neigungen im Kontext von Wandel und Kontinuität von einer Generation an die nächste weitergegeben? Arbeit von Kindern innerhalb der Familie, Ausbildungssysteme und andere Formen der Berufsvorbereitung verdienen in dieser Hinsicht ebenfalls Beachtung. Das gilt ebenso für die Rolle der Eltern und Großeltern. Wir blicken auf Übergangsprozesse von einer Generation zur nächsten, die hierbei geltenden Regeln und die Spannungen, die dabei entstehen. Auch hier sind die Verknüpfungen von Erwerbsarbeit und Arbeit im Sinne des zivilen Engagements (unbezahlt, freiwillig) wiederum von Interesse. Alle diese Aspekte können mit ethischen Fragestellungen hinsichtlich der Generationengerechtigkeit in Zusammenhang gebracht werden.

 

Im Allgemeinen bemüht sich das Kolleg, über Deutschland und Europa als Einheiten historischer Untersuchungen hinauszugehen. Unser Ziel ist es, die Beziehungen grenzüberschreitend und zwischen den Kontinenten zu untersuchen, hierzu gehören Transferbeziehungen, Unterdrückung, Lernen, Migration und gegenseitige Beobachtung. Wir bemühen uns möglichst viele Vergleiche anzustellen, um so bessere Erklärungen und Interpretationen von Wandel zu finden, und um unsere Diskussionen auf generellere Fragen zum Wandel von Kapitalismus, zu den Unterschieden zwischen Kulturen und Religionen, aber auch zur Globalisierung zu beziehen.

 

Zugleich gilt, dass die Fellows mit ihren spezifischen Themen ins Kolleg kommen und die Arbeit daran fortsetzen wollen. Im Allgemeinen ist ihnen die Geschichte der Arbeit vertrauter als die Geschichte des Lebenslaufs. Doch wir hoffen, dass Gespräche und Diskussionen sowie Zusammenarbeit und Austausch im Kolleg die Herangehensweise der Wissenschaftler/-innen intensiv beeinflussen und weiterentwickeln werden. Wir bemühen uns, Forscher und Forscherinnen zusammenzubringen, die gemeinsame Interessen verfolgen, jedoch aufgrund von disziplinären Schranken und anderen Faktoren nur selten miteinander in Kontakt treten. Wir hoffen und erwarten, dass dies zu einer anderen Forschung führt, als sie außerhalb des Kollegs möglich wäre.

 

Einschlägige Literatur

  • Josef Ehmer und Catharina Lis (Hg.). The Idea of Work in Europe from Antiquity to Early Modern Times, Aldershot: Ashgate, 2009.
  • Josef Ehmer und Toni Pierenkemper (Hg.). Arbeit im Lebenszyklus / Work in the Life-Cycle, Jahrbuch für Wirtschaftsgeschichte/Economic History Yearbook 2008-1. Berlin: Akademie Verlag, 2008.
  • Heinz-Gerhard Haupt und Jürgen Kocka (Hg.). Comparative and Transnational History. Central European Approaches and New Perspectives. New York/Oxford: Berghahn Books, 2009.
  • Jürgen Kocka (Hg.). Work in a Modern Society. The German Historical Experience in Comparative Perspective. New York/Oxford: Berghahn Books, 2010.
  • Jürgen Kocka und Ursula M. Staudinger (Hg.). Gewonnene Jahre. Empfehlungen der Akademiengruppe Altern in Deutschland. Halle: Deutsche Akademie der Naturforscher Leopoldina, 2009. Auch auf Englisch erhältlich: More Years, More Life. Recommendations of the Joint Academy Initiative on Ageing. Halle, 2010.
  • Marcel van der Linden. Workers of the World. Essays toward a Global Labor History. Leiden: Brill, 2008.
  • Marcel van der Linden et al. (Hg.). Labour History Beyond Borders. Concepts and Explorations. Leipzig: Akademische Verlagsanstalt, 2010.
  • Marcel van der Linden, ‘Labor History Beyond Borders’, in: Joan Allen et al. (Hg.), Histories of Labour. National and International Perspectives. Pontypool: Merlin Press, 2010, 353-383.
  • Catharina Lis und Hugo Soly. Worthy Efforts: Attitudes to Work and Workers in Pre-Industrial Europe. Leiden: Brill, 2012.
  • Keith Thomas (Hg.). The Oxford Book of Work. Oxford: UP, 1999.